Schlagzeilen sprachen diesen Monat davon, die Schweiz kehre Windows den Rücken. Die Realität ist bescheidener, aber trotzdem bedeutsam: Die Schweizer Bundesverwaltung hat ein finanziertes Pilotprogramm gestartet, um einen Teil ihrer Belegschaft von Microsoft 365 auf Open-Source-Alternativen umzustellen. Ein Umstieg ist es noch nicht. Aber es ist ein echtes Programm — mit echtem Geld, einem konkreten Zeitplan und einem klaren Grund dahinter: die Abhängigkeit von fremdbestimmter Cloud-Software zu verringern.
Was die Schweiz wirklich testet
Am 2. September 2026 veröffentlichte die Schweizer Bundeskanzlei die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie namens PoC BOSS («Büroautomation mit Open-Source-Software»). 172 Mitarbeitende aus verschiedenen Departementen testeten über mehrere Monate, ob eine browserbasierte Open-Source-Arbeitsumgebung die Kernfunktionen von Microsoft 365 ersetzen kann: E-Mail, Kalender, Dokumente, Dateiablage, Chat und Videokonferenzen. Das Fazit fiel grundsätzlich positiv aus — Dokumentbearbeitung, Dateiablage und Zusammenarbeit schnitten gut ab, während grosse Videokonferenzen an ihre Grenzen stiessen.
Die getestete Software heisst openDesk, eine deutsche, staatlich getragene Open-Source-Plattform. Sie bündelt Collabora Online für Dokumente, Open-Xchange für E-Mail und Kalender, Nextcloud für die Dateiablage, OpenProject für Projektmanagement, XWiki für internes Wissensmanagement, Jitsi (unter dem Namen Nordesk) für Videokonferenzen, Element für Chat sowie Univention für Identitäts- und Zugriffsverwaltung — lauter Werkzeuge, die PSP-Leserinnen und -Lesern als Open-Source-Tools mit privaten Alternativen bekannt vorkommen dürften, nicht nur als Verwaltungs-Spielzeug.
Gestützt auf diese Ergebnisse rollt die Bundeskanzlei openDesk nun bei rund 3’000 der 54’000 Arbeitsplätze der Bundesverwaltung aus — bis Ende 2027, mit geschätzten Kosten von 9 Millionen Franken. Die Lösung läuft parallel zu Microsoft 365, nicht als Ersatz — ein vorsichtiger erster Schritt statt einer vollständigen Migration. Die rechtliche Grundlage bestand bereits: Das seit 2024 geltende Gesetz EMBAG verpflichtet den Bund, Software wo immer möglich als Open Source zu veröffentlichen, nach dem Prinzip «Public Money, Public Code».
Deutschland und Österreich sind schon weiter
Die Schweiz ist hier keine Pionierin — sie holt auf. openDesk selbst stammt vom deutschen ZenDiS, einer staatlichen Organisation, die eigens zur Verringerung der Microsoft-Abhängigkeit im öffentlichen Sektor gegründet wurde. Das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein ist europaweit am weitesten: Fast 80 Prozent seiner Arbeitsplätze laufen bereits mit LibreOffice, nachdem zuvor rund 44’000 Postfächer auf eine Open-Source-E-Mail-Lösung umgezogen sind. Österreich geht einen anderen Weg — sein Bundesheer hat bereits im September 2025 Microsoft Office von allen 16’000 Militärcomputern entfernt, mit Verweis auf die Risiken durch US-Überwachungsgesetze für sensible Verteidigungsdaten. Weitere 30’000 zivile Regierungscomputer sollen folgen.
Warum Souveränität mehr als Regierungen betrifft
Die treibende Logik ist in allen drei Ländern dieselbe: US-Gesetze wie der CLOUD Act und FISA können amerikanische Unternehmen im Prinzip dazu zwingen, Daten herauszugeben — unabhängig davon, ob diese in der EU oder in der Schweiz gespeichert sind. Zusammen mit steigenden Lizenzkosten und dem operativen Risiko, von einem einzigen ausländischen Anbieter abhängig zu sein, wird «digitale Souveränität» vom abstrakten Schlagwort zu ganz praktischem Risikomanagement.
Diese Logik gilt nicht nur für Regierungen. Dieselben Werkzeuge, die hier im grossen Massstab getestet werden — Nextcloud für Speicherplatz, Collabora oder LibreOffice für Dokumente, Element für Chat — stehen schon heute allen offen, auf einer Infrastruktur, die man selbst oder ein vertrauenswürdiger Anbieter tatsächlich kontrolliert. Dass Regierungen sich diesen Werkzeugen nur vorsichtig und schrittweise nähern, zeigt eher, wie ausgereift sie inzwischen sind — für Einzelpersonen ist der Umstieg oft einfacher und schneller möglich.
Das Schweizer Pilotprojekt wird Microsoft 365 weder 2026 noch 2027 ersetzen. Aber es reiht ein drittes Land in ein wachsendes europäisches Muster ein und unterlegt bisher meist politische Rhetorik über Souveränität mit konkreten Zahlen — Nutzerinnen und Nutzer, Kosten, Fristen. Beobachtenswert bleibt, ob die Frist des Schweizer Militärs im Oktober 2026 hält und ob sich das Pilotprojekt mit 3’000 Nutzenden nach Auswertung der Ergebnisse ausweitet.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Schweiz testet openDesk (Collabora, Open-Xchange, Nextcloud, OpenProject, XWiki, Jitsi, Element, Univention) auf 3’000 von 54’000 Bundesarbeitsplätzen bis Ende 2027, Kosten rund 9 Millionen Franken.
- Das Pilotprojekt läuft parallel zu Microsoft 365 — es ist eine Testphase, kein Ersatz.
- Das deutsche Schleswig-Holstein ist regional am weitesten, mit rund 80 Prozent der Arbeitsplätze bereits ohne Microsoft.
- Österreichs Bundesheer hat Microsoft Office vollständig von 16’000 Computern entfernt, mit Verweis auf US-Überwachungsgesetze.
- Dieselben Open-Source-Werkzeuge, die diese Regierungsprojekte antreiben, stehen auch Privatpersonen schon heute offen.
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